
Sloweniens milder Westen: Drei Kulturkreise treff en hier seit jeher
aufeinander, was sich in der Küche bis heute aufs Angenehmste bemerkbar
macht. Ein Lokal-Augenschein von Irene Hanappi.
E ntlang dem smaragdgrünen Soca Fluss dem Süden entgegengleiten bedeutet eine Genussreise der ganz besonderen Art. Dass keine fünf Fahrstunden von Wien entfernt einige der anspruchsvollsten Gourmetadressen Sloweniens zu finden sind, macht den Weekendausflug perfekt.
Die Slowenen haben’s gut, ihre Küche vereint
von überall das Beste: Mediterranes,
Kärntnerisch-Steirisch-Friulanisches und
natürlich Österreichisch-Ungarisches. Viele
sind Wirte von der Wiege weg und würzen
ihr Können mit Fantasie und Sinn für Tradition.
Franko Kramar kaufte das hundertjährige
Haus, das nun das familiäre Gourmetrestaurant
Hasa Franko beherbergt, Anfang der
1970er-Jahre und hat mit eher deftiger Kost
Kajakfahrer, Paddler und Wanderer im Soca-
Tal zufriedengestellt. Sein Sohn Valter galt
von Anfang an als ganz großes Talent und
entwickelte gemeinsam mit seiner Partnerin
Ana Ros eine völlig neue Linie, unverfälscht
und aromaintensiv. Sein Prinzip: „So viele
Produkte wie möglich aus der Region
beziehen“ und „möglichst alles, auch das
Brot und die Pasta, selber machen“. Waren es
anfangs hausgemachte Gnocchi aus heurigen
Kartoffeln oder Rehfi lets mit gebackenem
Estragon, die die Gäste begeisterten, so sind
es heute Jakobsmuscheln in lila Tomatenschaum,
Tatar mit Senfeis und Rotbarsch in
Orangensud. Die virtuos kom ponierten
Menüs umfassen oft ein Dutzend Gänge und
lassen einen doch beschwingt und unbeschwert
die Weiterreise antreten. So man sich
nicht entschließt, über Nacht zu bleiben …
Kaum eine Stunde Fahrzeit südlich liegt
in einer Blockhütte an einem seerosengeschmückten
Teich die Restavracija Pikol.
Boris, der Wirt, berichtet in wohlklingendem
Italienisch, was die Karte zu bieten hat.
„Bacala con Polenta“ (Stockfi sch mit Polenta),
ein ländliches Gericht, für das die Gondolieri
aus Venedig die Reise bis nach Gorizia, wie
die Grenzstadt auf Italienisch heißt, gern auf
sich nehmen. Dann vielleicht Spaghetti mit
Butarga, getrocknetem und geräuchertem
Rogen vom Thunfi sch oder der Meeräsche,
eine besondere Rarität, auf deren Herstellung
sich nur mehr einige wenige Fischer südlich von Dubrovnik verstehen. Oder doch
lieber „Capesante gratinate“ (gratinierte
Jakobsmuscheln) und danach Spaghetti mit
selbst gestochenem, wild gewachsenem
Spargel aus Istrien („Nur ein paar Gabelbissen
voll!“)? Während die einen noch überlegen,
serviert Boris den anderen sein berühmtes
„Carpaccio di Branzino“. Mit einer
leichten Verneigung präsentiert er den rohen
Fisch, fi letiert ihn, während er lächelnd Konversation
macht, streut aus zwei verschiedenen
Töpfen Salz darauf, drückt den Saft
einer Zitrone aus, lässt Honig darüberrinnen,
reibt Parmesan und zum Schluss noch rohen
Apfel über die Filets und beträufelt das Ganze
mit Olivenöl.
Mit der gleichen Präzision geht das Präsentieren
und Servieren weiter und nach einem
„Rombo al forno“ (im Rohr geschmorter
Steinbutt), einem Zitronensorbet, etwas
Käse, einer Nuss-Schokolade-Palatschinke,
einem Espresso und einem Grappa sind gut
fünf Stunden vergangen und eigentlich wäre
es jetzt schon Zeit fürs Abendessen …
In den Gewölben eines alten Gutshofs, wo
früher Kartoffelsäcke, Weinfässer und geräuchertes
Fleisch lagerten, befi ndet sich ein
weiteres Spitzenrestaurant Sloweniens:
Dvorec Zemono. Vor dem Hintergrund roher,
unverputzter Wände zeichnet sich auf jedem
Tisch eine langstielige, rote Rose als Willkommensgruß
ab. Auch bei den Speisen
pfl egt Katja Kavˇciˇc, die Wirtin, einen eigenwilligen,
romantischen Stil.
Das Carpaccio vom Octopus mariniert sie
gemeinsam mit frischen Erdbeeren und
Petersilie, die Suppe kredenzt sie in einer
Terrine aus Brotteig, die Pasta – kleine
Muscheln aus Maismehl in Tomatensauce
mit Zucchini und ausgelösten Scampi –
breitet sie auf einem blanchierten Kohlblatt
aus. Auch das Ragout vom Bären kam nicht
einfach auf einem normalen Teller an den
Tisch, sondern verbarg sich in einer Schüssel
aus knusprigen, in Öl herausgebackenen
Teigblättern.
Der Dessertteller war bestückt mit Miniportionen
von Potica (warmem Nussstrudel aus
Germteig), Mousse au Chocolat und einer
Joghurtterrine mit frischen Beeren. Zu jedem
Gang wurde eine Flasche slowenischer Spitzenwein
geöffnet und glasweise verrechnet –
auch das ein Zeichen von Gastfreundschaft.